Über mich

Wer ich bin und warum ich in der SPD bin.

Sich in diesen Tagen als Sozialdemokrat*in zu outen stößt bei manchen Menschen auf Unverständnis. Nachdem ich 2019 meine Kandidatur als Stadtrat in Halle (Saale) angekündigt hatte, kamen viele Nachfragen, ob ich überhaupt für die richtige Partei antrete. Aber ich bereue die Entscheidung nicht, dass ich 2011 in die SPD eingetreten bin. Denn ich bin nicht mit dem Ziel eingetreten auf der Sieger-Seite zu stehen, sondern mit dem Ziel auf der richtigen Seite zu stehen. Was mich in meinem Leben geprägt und mich zur SPD geführt hat, möchte ich in einigen Beiträgen mit euch teilen.

1999 kamen meine Eltern und ich als Kontingentflüchtlinge aus der Ukraine nach Saarbrücken. Ich war sieben Jahre alt und konnte schon als Kind den großen Unterschied erkennen: Dort ein Land in dem ich eine Hyperinflation (Papa bringt das Gehalt in Tüten nach Hause) und bitterste Armut (Kinder, die in Malkursen auf Zeitungsresten malten) erlebt hatte. Hier der penibel durchgeputzte Schlossplatz in Saarbrücken und Ämter, die uns mit dem Notwendigsten ausstatteten. Dazu gehörten Gutscheine für warme Winterkleidung und Schulmaterial sowie Sozialtickets, mit denen Sozialhilfeempfänger*innen vergünstigt oder sogar gratis viele Einrichtungen besuchen konnten. Kurzum: ich lernte Deutschland zuerst als starken Sozialstaat kennen. 

In der Flüchtlingsunterkunft in Saarbrücken habe ich gesehen, dass es die vielen Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien schlechter hatten. Sie bekamen Essensrationen anstatt Geld und hatten keine Möglichkeit aus der Unterkunft auszuziehen. Die Möglichkeiten der Integration hingen nämlich von der Herkunft ab und entschieden darüber, wie der Alltag der Menschen aussah. Meine Eltern konnten glücklicherweise Sprachkurse besuchen. Wir konnten bald aus der Flüchtlingsunterkunft ausziehen Hatten das erste Mal in unserem Leben eine 3-Raum-Wohnung. Die Couch im Wohnzimmer wurde nachts zum elterlichen Bett und ich schlief in einer kleinen Nische, die durch einen Vorhang getrennt war. Gerechtigkeit und Chancengleichheit sind keine ausgelutschten Begriffe. Sie sind erlebbar und vieles ist so eindeutig, dass es auch für Kinderaugen sichtbar ist. 

Warum bin ich in eine politische Partei eingetreten und warum in die SPD. Eins ist klar. Nicht nur die SPD, sondern Parteien allgemein haben heute einen schlechten Ruf. Wer Mitglied einer Partei ist, dem begegnet im Alltag immer mehr Verwunderung als Beifall. Für mich ergab sich die Entscheidung meinen Kampf für soziales Zusammenleben in und mit einer politischen Partei zu führen in erster Linie aus negativen Erfahrungen. Denn schon in der Schulzeit erkannte ich, dass freundschaftliche Netzwerke sowie Beziehungen in Vereinen und Wirtschaft sehr langsam aufgebaut werden und dass Einfluss und Mitsprache eher den Menschen zugestanden wird, die schon “länger” dabei sind. 

Warum sind die Lebenswege von Menschen so unterschiedlich und wie viel davon ist eigentlich vorbestimmt? – fragte ich mich. In dieser Zeit entdeckte ich Gerhard Schröder. Von seiner Politik verstand ich nicht viel. Aber ich hatte mitbekommen, dass er sich seine Rolle in der Gesellschaft hart erarbeitet hat. Mich hat das fasziniert. Ich fing an mich mit Schröder und der Sozialdemokratie auseinanderzusetzen. Und in der Geschichte der SPD fand ich das wieder, was mich bewegte: der Wiederstand gegen eine in die Wiege gelegte Ungerechtigkeit. 

Wer es von Natur aus schwieriger hat, braucht Unterstützung und Chancen. Und diese Hilfe muss die Gemeinschaft auch etwas kosten. In erster Linie erschien mir die SPD wie ein starkes Netzwerk mit einer offenen Tür und offenen Ohren für Menschen wie mich.

Mit 15 folgte ein Schülerpraktikum bei der SPD in Heidelberg. Nach dem Schulabschluss trat ich dann in die Partei ein. In der halleschen SPD habe ich schnell Anschluss bei den Jusos (Jungsozialist*innen) gefunden und war drei Jahre Vorsitzender der Jusos Halle (Saale). Zahlreiche Wahlkämpfe und Parteitage prägen den Weg seither. Aktuell bin ich Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft Migration und Vielfalt in der SPD Sachsen-Anhalt. 

Ist die Welt jetzt gerechter? Noch nicht. Aber das Gefühl sich der Ungerechtigkeit in den Weg zu stellen. Ihr einen Strich durch die Rechnung zu machen. Manchmal im Kleinen, wenn es um den Einsatz für Personalstellen in der Jugendarbeit geht. Oder wenn die Jusos mit einem Infostand die Bewegungsfreiheit für Nazi-Demos einschränken. Manchmal im Großen, wenn die SPD den Mindestlohn einführt. Und ich aus eigener Erfahrung weiß, wie viele Callcenter-Mitarbeiter*innen in Halle schlagartig zwei bis drei Euro mehr verdienen. Das Gefühl treibt dazu: mehr zu fordern, mehr zu kämpfen, Tag für Tag, Stück für Stück. 

Die Frage, ob ein Mensch auf seinem Lebensweg mehr Chancen oder mehr Hindernissen begegnet, sieht die SPD als Staatsaufgabe und nicht als individuelles Glück. Daher bin ich auch in diesen Tagen Sozialdemokrat.

Die Geschichte der Familie „Matviyets“ beginnt in Deutschland 1999.

Was in den Jahren zwischen 1933 bis 1945 meinen entfernten Verwandten und vielen Millionen anderer Jüd*innen vom nationalsozialistischen Regime angetan wurde, sorgte dafür, dass das demokratische Deutschland seiner besonderen Verantwortung für jüdische Menschen bis heute nachkommt. So war es meiner Familie möglich als jüdische Kontingentflüchtlinge in Deutschland einzuwandern und sofort eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Ich war damals sieben Jahre alt. 

Erinnerungen an meine Kindheit: Polizeifahrzeuge vor der Synagoge in Saarbrücken, Übersetzungen elterlicher Anliegen beim Amt, afghanischen, kurdischen, polnischen und marokkanischen Freunde in meiner Schulzeit. Jede *r konnte Geschichten über Diskriminierung und daraus entstehende Konflikte, ob in Deutschland nach der Migration oder schon in der alten Heimat, erzählen. Die geteilten Erfahrungen binden zusammen.

Und dann passierte die Enttarnung des NSU 2011. Plötzlich wurde bekannt, dass drei Nazis über zehn Jahre mordend durch Deutschland gezogen sind. Die Opfer (mit der Ausnahme der ermordeten Polizistin Kiesewetter) einte, dass ihre Herkunft nicht „Deutsch“ war. Da war mir klar, dass mein persönlicher Hintergrund, der mich zum Engagement in der Politik bewegt hat, für manche Menschen im „Vordergrund“ steht und ausreicht, um mein Leben als weniger wertvoll einzustufen. 

In der Auseinandersetzung zwischen meinen politischen Vorstellungen und meiner Identität habe ich etwas tief Egoistisches gefunden. Irgendwie wünsche ich mir, dass mein Einsatz für die Menschen in Deutschland und für alle Menschen weltweit einen Teil dazu beiträgt, dass Menschen, die mein Leben für wertlos erachten, niemals wieder in der Mehrheit sind. Der Widerstand der SPD gegen die Machtergreifung Hitlers, Willy Brandts Kniefall – das und weitere Ereignisse haben mich auch als Jude darin bestärkt, dass meine Entscheidung für die Sozialdemokratie richtig war. 

In Sachsen-Anhalt – wo ich lebe, geheiratet habe und mein erstes Kind aufwachsen sehen werde – will ich durch einen aktiven Kampf gegen Rechts, durch die Stärkung des jüdischen Lebens in der Stadt und durch das Streiten für eine weltoffene Gesellschaft einen Beitrag leisten. Dass die Worte „nie wieder“ keine leere Hülle sind. Und dass Menschen mit einer Biografie wie meiner in leiblicher und sozialer Sicherheit alles erreichen können, was sie sich wünschen.