Über mich

Warum SPD?

In diesen Tagen sich als Sozialdemokrat zu outen ist etwas sehr Schmerzhaftes. Nachdem ich vor einigen meine Kandidatur als Stadtrat in Halle (Saale) angekündigt hatte, kamen viele Nachfragen, ob ich für die richtige Partei antrete. Aber ich bereue die Entscheidung nicht, dass ich 2011 in die SPD eingetreten bin. Denn ich bin nicht mit dem Ziel eingetreten auf der Sieger-Seite zu stehen, sondern mit dem Ziel auf der richtigen Seite zu stehen. Was mich in meinem Leben geprägt und mich zur SPD geführt hat, möchte ich in einigen Beiträgen mit euch teilen.

1999 kamen meine Eltern und ich als Kontingentflüchtlinge aus der Ukraine nach Saarbrücken. Ich war sieben Jahre alt und konnte schon als Kind den großen Unterschied erkennen: Dort ein Land in dem ich eine Hyperinflation (Papa bringt das Gehalt in Tüten nach Hause) und bitterste Armut (Kinder, die in Malkursen auf Zeitungsresten malten) erlebt hatte. Hier der penibel durchgeputzte Schlossplatz in Saarbrücken und Ämter, die uns mit dem Notwendigsten ausstatteten. Dazu gehörten Gutscheine für warme Winterkleidung und Schulmaterial sowie Sozialtickets, mit denen Sozialhilfeempfänger*innen vergünstigt oder sogar gratis viele Einrichtungen besuchen konnten. Kurzum: ich lernte Deutschland zuerst als starken Sozialstaat kennen.

In der Flüchtlingsunterkunft in Saarbrücken habe ich gesehen, dass es die vielen Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien schlechter hatten. Sie bekamen Essensrationen anstatt Geld und hatten keine Möglichkeit aus der Unterkunft auszuziehen. Die Möglichkeiten der Integration hingen nämlich von der Herkunft ab und entschieden darüber, wie der Alltag der Menschen aussah. Meine Eltern konnten glücklicherweise Sprachkurse besuchen und wir konnten bald aus der Flüchtlingsunterkunft ausziehen und hatten das erste Mal in unserem Leben eine 3-Raum-Wohnung. In der Ukraine waren es 1,5 Zimmer. Die Couch im Wohnzimmer wurde nachts zum elterlichen Bett und ich schlief in einer kleinen Nische, die durch einen Vorhang getrennt war. Gerechtigkeit und Chancengleichheit sind keine ausgelutschten Begriffe, sie sind erlebbar und vieles ist so eindeutig, dass es auch für Kinderaugen sichtbar ist. Soviel zu meinem „S“ in der SPD.

Mein “Soziales” in der SPD habe ich nun ausführlich erklärt. Nun geht es darum, warum es eine “Partei” sein sollte und dazu ausgerechnet die SPD. Denn eins ist klar: nicht nur die SPD, sondern Parteien allgemein haben heute ein schlechtes Image. Wer Mitglied einer Partei ist und daraus kein Geheimnis macht, dem begegnet im Alltag immer mehr Verwunderung als Beifall. Für mich ergab sich die Entscheidung meinen Kampf für soziales Zusammenleben in und mit einer politischen Partei zu führen in erster Linie aus negativen Erfahrungen. Denn schon in der Schulzeit erkannte ich, dass freundschaftliche Netzwerke sowie Beziehungen in Vereinen und Wirtschaft sehr langsam aufgebaut werden und dass Einfluss und Mitsprache eher den Menschen zugestanden wird, die schon “länger” dabei sind.

Mich quälte die Frage, warum Lebenswege von Menschen so unterschiedlich sind und wie viel davon vorbestimmt ist. In dieser Zeit entdeckte ich Gerhard Schröder. Von seiner Politik verstand ich nicht viel, aber ich habe mitbekommen, dass er sich seine Rolle in der Gesellschaft hart erarbeitet hat. Mich hat das fasziniert. Ich fing an mich mit Schröder und der Sozialdemokratie auseinanderzusetzen. In der Geschichte der SPD fand ich das wieder, was mich bewegte. Der Wiederstand gegen eine in die Wiege gelegte Ungerechtigkeit. Wer es von Natur aus schwieriger hat, braucht Unterstützung und Chancen und dies muss im Zweifel die Gemeinschaft auch etwas kosten. Dieser Drang nach Selbstmündigkeit und der Wille aktiv gegen soziale und systematische Ungerechtigkeit vorzugehen, überzeugte mich in die SPD einzutreten. In erster Linie erschien mir die SPD wie ein starkes Netzwerk mit einer offenen Tür für Menschen wie mich.

Schon in der 9. Klasse habe ich ein Schülerpraktikum bei der SPD Heidelberg absolviert. Während der Oberstufe fokussierte ich mich auf mein Abitur und trat erst nach dem Schulabschluss in die Partei ein. In der halleschen SPD habe ich schnell Anschluss bei den Jusos gefunden und war drei Jahre Vorsitzender der Jusos Halle (Saale). Daneben habe ich in allen Wahlkämpfen aktiv geholfen und habe mich auf Kreis- und Landesparteitagen als Delegierter aktiv in die Debatten über den Kurs der SPD eingemischt. Aktuell bin ich Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft Migration und Vielfalt in der SPD Sachsen-Anhalt und sitze als Sachkundiger Einwohner im Sozialausschuss der Stadt Halle. Was hat mir das bisher gebracht? Das Gefühl sich der Ungerechtigkeit in den Weg zu stellen. Manchmal im Kleinen, wenn es um den Einsatz der SPD für Personalstellen in der Jugendarbeit geht oder wenn die Jusos mit einem Infostand die Bewegungsfreiheit für Nazi-Demos einschränken. Manchmal im Großen, wenn die SPD den Mindestlohn einführt und ich aus eigener Erfahrung weiß, wie viele Callcenter-Mitarbeiter*innen in Halle schlagartig zwei bis drei Euro mehr verdienen.

In diesen Tagen sorgt ein Text über positive Erfahrungen mit der SPD bestimmt für hochgezogene Augenbrauen. Und ja, mit dem Kurs der aktuellen SPD bin ich häufiger unzufrieden als zufrieden. Dennoch ist diese Partei eine weitestgehend offene Plattform für Versuche das Leben von Menschen zu verbessern. Und alle Menschen – auch ich – scheitern ab und zu in ihren Versuchen etwas zu verändern und ein paar Versuche sind auch überhaupt nicht zielführend. Gerade heute zeigt sich, dass viele Funktionsträger*innen die Erneuerung der Partei als persönliche Bedrohung empfinden. Aber auch diesen Fehlkurs wird die SPD überwinden. Für mich zählt im Besonderen: die Frage, ob ein Mensch auf seinem Lebensweg mehr Chancen oder mehr Hindernissen begegnet, sieht die SPD als Staatsaufgabe und nicht als individuelles Glück. Daher bin ich auch in diesen Tagen ein treuer Sozialdemokrat.

Zuletzt widme ich mich dem „D“ in „SPD“. Es steht für Deutschland. Wie ich persönlich zu Deutschland stehe, ist eine komplexe Geschichte. Zunächst bin ich hier nicht geboren. Mir fehlen die historischen Wurzeln. Freund*innen und Bekannte haben in manchen Dörfern und Städten dutzende Verwandte, finden ihren Nachnamen auf zig Briefkästen und können irgendwelche spannenden Berührungspunkte ihrer Familie mit bedeutenden historischen Ereignissen bei geselligen Abenden erzählen. Die Geschichte der Familie „Matviyets“ beginnt in Deutschland 1999.

Der Grund, warum meine Familie nach Deutschland kommen durfte, liegt noch weiter zurück. Was in den Jahren zwischen 1933 bis 1945 meinen entfernten Verwandten und vielen Millionen anderer Jüd*innen vom nationalsozialistischen Regime angetan wurde, war so unvorstellbar grausam, dass das demokratische Deutschland seiner besonderen Verantwortung für jüdische Menschen bis heute nachkommt. So war es meiner Familie möglich als jüdische Kontingentflüchtlinge in Deutschland einzuwandern und sofort eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Ich war damals sieben Jahre alt und wusste ganz genau, dass ich nur in dieses Land gekommen bin, weil es vor nicht allzu ferner Zeit mich und meine Familie noch umbringen wollte. Also nicht die beste Ausgangslage, um mit seiner neuen Nachbarschaft warm zu werden.

Obwohl mir von meinen Eltern eingeredet wurde, dass sich seit dieser „schlimmen Zeit“ so viel verändert hat, konnten Kinderaugen bereits erkennen, dass von “Normalität” nicht die Rede sein konnte. Schließlich standen vor der Synagoge in Saarbrücken Polizeifahrzeuge und es gab viele Kameras. Trotz der Umstände hatte ich eine schöne Kindheit in Saarbrücken. An antisemitische Vorfälle habe ich aus der Zeit keine bewusste Erinnerung. Hingegen habe ich Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht, weil ich und meine Eltern nicht in Deutschland geboren waren und nicht perfekt Deutsch sprachen. Als ich in Heidelberg bereits das Gymnasium besuchte, freundete ich mich mit afghanischen, kurdischen, polnischen und marokkanischen Jungs an. Jede *r konnte Geschichten über Diskriminierung und daraus entstehende Konflikte, ob in Deutschland nach der Migration oder schon in der alten Heimat, erzählen. Die geteilten Erfahrungen binden zusammen.

Ein weiteres wichtiges Ereignis, dass mich bei der Entscheidung für die SPD antrieb, war die Enttarnung des NSU 2011. Plötzlich wurde bekannt, dass drei Nazis über zehn Jahre mordend durch Deutschland gezogen sind. Die Opfer (mit der Ausnahme der ermordeten Polizistin Kiesewetter) einte, dass ihre Herkunft nicht „Deutsch“ war. Das hat mich direkt betroffen. Da war mir klar, dass mein persönlicher Hintergrund, der mich zum Engagement in der Politik bewegt hat, für manche Menschen im „Vordergrund“ steht und ausreicht, um mein Leben als weniger wertvoll einzustufen. Inzwischen kenne ich das gesamte Ausmaß der Morde mit rassistischer und nationalistischer Motivation. Aber Anfang 20, in Heidelberg lebend, war der NSU tatsächlich ein einschlägiges Erlebnis für mich.

In der Auseinandersetzung zwischen meinen politischen Vorstellungen und meiner Identität habe ich etwas tief Egoistisches gefunden. Irgendwie wünsche ich mir, dass mein Einsatz für die Menschen in Deutschland und für alle Menschen weltweit einen Teil dazu beiträgt, dass Menschen, die mein Leben für wertlos erachten, niemals wieder in der Mehrheit sind. Meine jüdische Identität habe ich in den vergangenen Jahren mehr und mehr erkannt. Ich war auf Bildungsreisen in Israel, partizipierte an einem Programm des Zentralrat der Juden in Deutschland und mischte mich auch im Arbeitskreis jüdischer Sozialdemokrat*innen in der SPD ein. Der Widerstand der SPD gegen die Machtergreifung Hitlers, Willy Brandts Kniefall und viele weitere Ereignisse haben mich auch als Jude darin bestärkt, dass meine Entscheidung für die SPD richtig war. Auch in Halle kann ich durch einen aktiven Kampf gegen Rechts, durch die Stärkung des jüdischen Lebens in der Stadt und durch das Streiten für eine weltoffene Gesellschaft einen kommunalen Beitrag dazu leisten, dass es „nie wieder“ so weit kommt.

Tabellarischer Lebenslauf

1991 in Mykolajiw, Ukraine, geboren

1998 Einschulung an der jüdischen Grundschule „Or Mechanem“

1999 Auswanderung nach Saarbrücken

1999 – 2002 Besuch der Kirchberg Grundschule in Saarbrücken

2002 – 2011 Besuch des Kurfürst-Friedrich-Gymnasiums in Heidelberg

2012 bis heute Studium Politikwissenschaften und Russistik an der Uni Halle